Frank-Markus Barwasser zu Corona und zum neuen Programm: "Das fliegt uns jetzt alles um die Ohren"

Eigentlich wollte Frank-Markus Barwasser bereits seit Oktober 2020 mit seinem neuen Liveprogramm „Der wunde Punkt“ wieder auf Deutschlands Bühnen stehen. Aber wie bei so vielen Plänen während der Pandemie ist es auch für den unterfränkischen Kabarettisten und für sein Kult-Trio Erwin Pelzig, Hartmut und Dr. Göbel beim „Eigentlich“ geblieben. In der Corona-Realität ging es erst Mitte Juni 2021 endlich wieder los. Im Interview verrät der 60-Jährige, warum er jetzt vor allem auf Open Airs im Jahr 2021 hofft – unter anderem im Juli und August beim Eulenspiegel Flying Circus in München. Stand Interview: Dezember 2020.

Frank-Markus Barwasser

Hallo Herr Barwasser, schlichte Frage zum Einstieg: Wie kommen Sie persönlich mit Corona klar? Wie gehen Sie damit um, als Mensch, als Künstler?

Barwasser: Nach meiner letzten Vorstellung am 8. März in Putzbrunn habe ich schon geahnt, dass es eine längere Zwangspause werden würde. Mental habe ich von Anfang an versucht, mich darauf einzustellen. Aber es ist natürlich sehr bedrückend, zu sehen, wie viele Nöte und Existenzängste diese Pandemie verursacht, und wie viele Menschen sie nicht überleben oder nur gesundheitlich schwer gezeichnet davonkommen. Von denen ist ja recht wenig die Rede. Aber es hat keinen Sinn, auf das Virus wütend zu sein, das auch unsereinen seiner Existenz beraubt oder sie gefährdet. Wenn ich an die vielen guten Jahre denke, die hinter mir liegen, empfinde ich eher so etwas wie, Achtung, jetzt kommt ein großes Wort: Demut.

Viele Ihrer Kollegen haben zwischenzeitlich wieder vor kleinem Publikum gespielt. Sie haben dagegen sehr weit im Voraus alle Auftritte abgesagt oder verschoben. Wieso? 

Barwasser: Ich wollte das neue Programm im Frühjahr schreiben, und in diesem Herbst sollte Premiere sein. Aber da die Kitas geschlossen bleiben mussten, habe ich gut drei Monate mit meinem vierjährigen Sohn zuhause verbracht. Wir hatten wirklich eine gute Zeit miteinander. Aber alles andere blieb auf der Strecke, oder hat sich eben verschoben.

“Die Bühne fehlt mir sehr”

Hätten Sie nicht vor 100, 150 Leute auftreten können, um zumindest wieder auf die Bühne zurückzukehren?

Barwasser: Die Bühne fehlt mir sehr und unsereiner fehlt auch den Bühnen, die ums Überleben kämpfen müssen. Sobald ich mit dem neuem Programm starten kann, wäre das schon eine Option. Aber an so einem Abend bin ja nicht nur ich beteiligt. Es gibt viele andere Mitwirkende, zum Beispiel bei Technik, Licht oder Einlass. Und natürlich das Publikum. Da sehe ich doch eine gewisse Verantwortung. Das alles ist abzuwägen. Aber im Augenblick geht ja ohnehin nichts.

Sie wollen also vermeiden, dass sich Menschen bei einem Ihrer Aufritte anstecken, dass Pelzig zum „Superspreader“ wird? (Die Frage soll nicht implizieren, dass es Ihren Kollegen egal ist)

Erwin Pelzig

Barwasser: Ich nehme das Virus ernst, und das macht wohl jeder, der Covid-19-Erkrankte kennt oder selbst davon betroffen war. Ich kann auch nicht ganz nachvollziehen, was Leute antreibt, die auf Transparenten das „Ende der Pandemie“ ausrufen. Wenn’s so einfach wäre. Was proklamieren die bald noch? Ende des Klimawandels? Ende von Mieterhöhungen und Lippenherpes? Mir erscheint es jedenfalls nicht ganz falsch, vorsichtig zu sein. Wie heißt es immer so schön: Die Lage ist sehr dynamisch.

Haben Sie Kontakt mit Kabarett-Kollegen, wie sehen die die aktuelle Lage?

Barwasser: Ich tausche mich mit einigen regelmäßig aus. Die Stimmung hat sich von anfänglichem Zweckoptimismus hin zu einer gewissen Ratlosigkeit entwickelt. Inzwischen spüre ich bei manchen auch Verzweiflung. Wir waren ja die ersten, die weg vom Fenster waren. Und wir werden die letzten sein, die zurückkehren. Da macht der Impfstoff durchaus Hoffnung.

“Nicht alle Regelungen und Details sind immer ganz logisch.”

Haben Sie Verständnis für die Maßnahmen der Politik?

Barwasser: Nicht alle Regelungen und Details sind immer ganz logisch. Aber grundsätzlich verstehe ich, dass eine Pandemie ziemlich einschneidende Maßnahmen erfordert. Vielleicht wird sich in der Rückschau herausstellen, dass manche nicht sinnvoll oder angemessen waren, und andere zu lasch. Das ist durchaus möglich. Ich habe aber kein Verständnis dafür, dass wir so schlecht vorbereitet waren, man denke nur mal an das Hin und Her mit den Masken. Dabei ist genau ein solches Szenario in einer Risikoanalyse vor sieben Jahren beschrieben worden. Die lag der Regierung und dem Parlament auch vor. Aber sie wurde wohl nicht ernst genommen. Ich finde es auch völlig richtig, wenn über die Rolle des Parlaments diskutiert wird. Da sollte doch bitteschön eine seriöse Auseinandersetzung stattfinden, wenn es um so weitreichende Einschränkungen der Grundrechte geht. Die Betonung liegt auf „seriös“, muss man ja inzwischen leider betonen.

“Corona legt so vieles gnadenlos frei”

Können Sie die Argumente von Corona-Skeptikern ansatzweise nachvollziehen?  Zweifeln Sie manchmal auch?

Barwasser: Ich habe nichts gegen Skeptizismus, er gehört ja auch zu meinem Berufsbild. Allerdings haben wir inzwischen nicht nur 80 Millionen Bundestrainer, sondern auch 80 Millionen Virologen im Land. Was da zum Teil von sogenannten Skeptikern oder Leugnern verbreitet wird, ist haarsträubend und manchmal schon kriminell. Aber an all diesen Merkwürdigkeiten ist ja nicht das Virus schuld. Das explosive Stimmungsgemisch war schon vorher in der Luft, Corona hat’s nur angezündet. Corona legt so vieles gnadenlos frei: das Problem der Schlachthöfe, die Situation der Alleinerziehenden, Schwächen des Bildungssystems, die Abhängigkeit von globalen Lieferketten. Das und noch viel mehr fliegt uns jetzt alles um die Ohren.

“Bei der Lufthansa ging’s schneller”

Haben Sie Verständnis, wie die Politik mit Kunst und Kultur umgeht? Was würden Sie sich wünschen?

Barwasser: Die letzten Monate haben eines gezeigt: Kunst und Kultur sind, was die Vertretung ihrer Interessen angeht, nicht sehr zentral organisiert. Die Interessenslagen sind ja auch höchst unterschiedlich, und Kunstschaffende häufig Einzelkämpfer. Das war sicher ein Nachteil. Dennoch ist es gelungen, der Politik eine gewisse Lernkurve aufzuzwingen. Wenn Lockerungen im Theaterbetrieb aufgrund der Zahlen wirklich nicht möglich sind, müssen die Bühnen, gerade die freien Bühnen, gestützt werden, um diese Krise zu überleben und die Kunstschaffenden ebenso. Da fehlte es insgesamt an Entschlossenheit, an klaren Signalen. Bei der Lufthansa ging’s schneller.

Wie können wir alle jetzt Kunst, Künstler und Kultur fördern, welche Ideen haben Sie?

Barwasser: Wenn wir wüssten, dass die Leute wieder in die Theater kommen, sobald sich die Lage entspannt hat, wäre das schon ziemlich gut für unsereinen.

Wann rechnen Sie wieder mit einer normalen Situation – also zum Beispiel mit Pelzig im ausverkauften, vollen Münchner Lustspielhaus?

Barwasser: Ich versuche derzeit, möglichst viele Termine in den Sommer zu legen, wo ich dann hoffentlich unter freiem Himmel auftreten kann. Ich war nie ein Freund von Open-Air-Auftritten, weil immer alles unter dem Vorbehalt steht, dass es nicht stürmt, regnet oder hagelt. Aber ich muss jetzt eben umdenken. Ob vorher was geht oder erst ab Winter 2021, ist im Moment schwer einzuschätzen. Vielleicht verbessern sich die Perspektiven durch den Impfstoff. Aber selbst wenn, dann rechne ich noch mit mindestens einem Jahr als Durststrecke.

Erwin Pelzig

Im Moment schreiben Sie an Ihrem neuen Bühnenprogramm „Der wunde Punkt“. Worum geht es, welchen wunden Punkt haben Sie entdeckt?

“Dass so ein Drecksvirus alles, wirklich alles auf den Kopf stellt…”

Barwasser: Es wird darum gehen, was Menschen und Menschheit kränkt, und ob vieles auf tiefe Kränkungen zurückzuführen ist. Pelzig versucht also wieder einmal, die Welt zu verstehen und zu erklären, mit betont psychologischem Ansatz. Anders kann man sich diesem Weltenwahnsinn sowieso nicht mehr nähern. Das Thema hatte ich schon vor Corona ins Auge gefasst, nachdem ich einen Aufsatz von Sigmund Freud gelesen hatte, über die drei Kränkungen der Menschheit. Dann kam Corona, und ich habe gemerkt: Das passt jetzt erst recht. Denn dass so ein Drecksvirus alles, wirklich alles auf den Kopf stellt, ist auch eine schwere Kränkung. Alles wird in Frage gestellt: unsere Gewissheiten, unser Selbstverständnis, unser Freiheitsanspruch. Das Virus kränkt uns schwer, und zwar in doppelter Hinsicht: virologisch und psychologisch.

Hat Corona wenigstens satirisches Potenzial, wenn man sich all den Irrsinn um Trump, Corona-Demos und Beherbergungsverbote anschaut? Oder ist Ihnen das Lachen längst vergangen?

Barwasser: Natürlich hat das Potenzial, der Tisch ist reich gedeckt. Die Thematiken werden jedoch immer komplexer, und damit auch anspruchsvoller zu bearbeiten. Aber das finde ich gut. Na ja, wenn sich so eine Jana aus Kassel zur Widerstandskämpferin erklärt und mit Sophie Scholl vergleicht, vergeht mir schon das Lachen. Aber wenn der „Postillon“ dann schreibt, die erste Sophie-Scholl-Schule benenne sich gerade um in „Jana-aus-Kassel-Schule“, kehrt es wieder zurück.

“Hartmut hat sich zum krankhaften Hypochonder entwickelt”

Was sagen eigentlich Dr. Göbel und Hartmut zu Corona? Hat Dr. Göbel als Mediziner eine Idee, wie sich das Virus stoppen lässt? Und trägt der ewig renitente Hartmut brav Maske?

Barwasser: Bitte? Dr. Göbel ein Mediziner? Also bestimmt nicht. Der ist Geisteswissenschaftler und hat eher die Haltung: Ich hab’s schon immer gewusst! Endlich passt sich die Lage seiner schlechten Grundstimmung an, insofern geht’s ihm recht ordentlich. Hartmut hat sich zum krankhaften Hypochonder entwickelt. Als Trump empfahl, Desinfektionsmittel intravenös einzusetzen, kam er kurz ins Grübeln, aber wir konnten ihn telefonisch davon abhalten. Zu sich reinlassen wollte er uns auch mit Maske nicht.